
„Ich habe viel über das Leben gelernt!“

Marie-Luise Esser hat 2000 die Beratungsstelle aufgebaut und über 20 Jahre lange betreut.
Dieser Rückblick wurde in unserer Jubiläums-Broschüre abgedruckt. Die gesamte Broschüre können Sie über den Link rechts herunterladen.
Am 01.07.2000 begann ich mit meiner Arbeit in der neu eröffneten Beratungsstelle der DMSG Köln. Das Haus der Gold-Kraemer-Stiftung, wo wir jetzt sind, war gerade fertig geworden. Frau Mülhens aus dem Vorstand hatte sich für unsere Räume stark gemacht.
An meinem ersten Arbeitstag bekam ich die Schlüssel und fuhr allein nach Kalk. Dort angekommen stand alles da, neue Büromöbel, Tisch und Stühle, Büromaterial, ein PC (noch ohne Internet) und einige alte Akten. Alles noch gut verpackt in Kartons und Plastikfolie. Ich fasste mir an den Kopf: Worauf hatte ich mich nur eingelassen?
Und dann fing ich an, hier alles aufzubauen …
Wir hatten damals schon eine Handvoll Kontaktkreise. Hier begann meine Arbeit. Zuhören, Nachfragen, Ideen und Wünsche wahrnehmen und mich selbst über alles rund um MS weiterzubilden.
Um neue Mitglieder zu gewinnen, musste das neue Beratungsangebot bekannt gemacht werden. Erste Flyer entstanden, nur das Internet musste noch warten. Frank Keils aus dem Vorstand ist es zu verdanken, dass wir unsere erste Homepage bekamen und damit auch unsere Mailadresse. Ein echter Fortschritt.
Beratungen und Hausbesuche fanden nun häufiger statt. In den verschiedenen Stadtteilen entstanden neue Kontaktkreise. Zunächst in kirchlichen Räumlichkeiten oder auch in Seniorenheime o.ä. Später trafen sich immer mehr Kontaktkreise in Gaststätten und Cafés. Barrierefreiheit war oberstes Gebot und nicht immer einfach.
Nach ca. 10 Jahren veränderte sich die Arbeit grundlegend, wir bekamen mehr Unterstützung von der Gold-Kraemer-Stiftung und der Boll-Stiftung sowie auch von anderen Förderern. Meine Arbeitszeit wurde erhöht und wir konnten erstmals Veranstaltungen anbieten. Relativ früh war dies z.B. Rollstuhlsport, Rollstuhltanz und unsere Hörspielgruppe. Wir haben auch vieles andere ausprobiert: Informationsveranstaltungen, Gedächtnis-Training, Discoabende, einmal sogar eine Modeberatung oder eine Schreibwerkstatt. Einige Großveranstaltungen zum Welt-MS-Tag waren die Höhepunkte des Jahres.
Ein weiterer Meilenstein war unser Spurwechsel-Projekt. Anke Breuer ist damals auf mich zugekommen und hat zusammen mit Markus Paulussen Fotos und Text-Collagen zu Menschen mit MS erstellt. Ich habe die beiden bei der Suche nach Kandidaten unterstützt. Mit diesen tollen Bildern haben wir den Hertie-Preis gewonnen und etliche Ausstellungen organisiert, einmal sogar im Rathaus der Stadt Köln.
Die größten Herausforderungen waren immer finanzieller Art. Veranstaltungen zu organisieren ist kostspielig, und wir wollten ja auch immer einen kostenlosen Fahrdienst anbieten, das brauchte Geld. Je mehr es der Vorstand geschafft hat, finanzielle Mittel für die Arbeit bereit zu stellen, umso mehr Aktivitäten konnten wir anbieten.
Meine Aufgabe habe ich immer darin gesehen, Ideen und Wünsche „meiner Leute“ aufzugreifen und sie zu unterstützen. Meine schönsten „Erfolge“ waren, wenn es mir gelungen ist, dass derjenige, der die Idee hatte, auch das Projekt zu großen Teilen mittragen konnte. Und so war es auch in persönlichen Gesprächen. Unterstützen, Anstöße geben und vor allem Mut machen.
Eine große Herausforderung für mich war es, ein Gefühl dafür zu bekommen, was ich jemandem zumuten konnte oder nicht. Also einerseits natürlich Hilfsbereitschaft und Mitgefühl zu haben, aber andererseits auch Eigenständigkeit zu fördern und zu fordern, ohne zu überfordern. Das hat auch mit Wertschätzung zu tun, mit Respekt und Anerkennung.
Ich habe viel über das Leben gelernt. Wir gehen in der Regel davon aus, dass es immer so weiter geht. Aber wenn jemand vor Dir sitzt mit einer so einschneidenden Diagnose, dann entwickelst Du sehr viel Demut. Dankbarkeit für das, was gut ist und was geht, zu empfinden, und nicht nur auf das zu schauen, was nicht geht. Vielen Erkrankten ist das gelungen. Das hat mich sehr beeindruckt.
Bei meinem Abschied bin ich mit einem besonderen Geschenk überrascht worden: die Kontaktkreissprecher haben mir eine Schatzkiste mit Briefen und Geschenken ganz vieler Mitglieder gegeben. Neben vielen persönlichen Erinnerungen und einigen Fotos, ist dies die schönste Erinnerung an 20 Jahre DMSG OV Köln. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle bei allen bedanken, von denen ich mich nicht persönlich verabschieden konnte.
Mein Dank geht auch an den Vorstand, der mir vertraut und mir einen großen Freiraum gewährt hat.
Ich habe es gerne gemacht!